Kolumne

"Nur wer hinfällt, kann lernen, wieder aufzustehen"

Die Sache mit der Selbstständigkeit - eine Kolumne von Christian Lanfermann.

04. September 2020

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Die Rolle der Eltern im Jugendleistungssport wird kontrovers diskutiert. Meistens klappt es gut, manchmal aber auch nicht. Vieles ist aber auch eine Frage der Perspektive. Christian Lanfermann hat das veranlasst, eine Kolumne auf Golf.de zu veröffentlichen. Darin schildert der Trainer und Koordinator Leistungssport des Hamburger GC Falkenstein seine Eindrücke und Erlebnisse und ruft vor allem zu mehr Gelassenheit auf.

Kinder müssten lernen, Entscheidungen zu treffen und Aufgaben zu übernehmen, sagt Lanfermann. Als Familienvater und Coach ist er in einer Art Doppelrolle. Die PGA of Germany hat ihn zum Jugendtrainer des Jahres 2017 und Trainer des Jahres 2018 gekürt. Der 40-Jährige berichtet in seinem Fairwaykids-Golfblog über seine Projekte und Aktionen. Im Folgenden seine Kolumne:

Liebe Eltern, 

dieser Beitrag ist ausschließlich für euch. Und nur für euch. Bitte nehmt euch fünf bis zehn Minuten Zeit, diesen Beitrag zu lesen. Das einzige Ziel, was ich mit diesem Beitrag verfolgen möchte, ist eine bessere Welt auf dem Golfplatz für eure und meine Kinder. Auch bin ich mir bewusst, dass nicht jeder von euch die Message genauso verstehen und sehen wird. Dennoch hoffe ich, möglichst viele von euch zu erreichen und wir anfangen, an uns zu arbeiten. 

Aufgrund meiner Tätigkeit als Trainer im Leistungssport begleite ich sehr viele Turniere von ambitionierten und motivierten Mädchen in verschiedensten Altersklassen. An dieser Stelle ist anzumerken, dass unser Golfclub (Hamburg Falkenstein) die Möglichkeit hat, bei den meisten Turnieren einen Trainer für die Betreuung vor Ort bereit zu stellen. Natürlich ist mir bewusst, dass das eher die Ausnahme ist und nur wenige Golfclubs eine solche Betreuung gewährleisten können oder wollen. 

Die meisten Kinder und Jugendlichen sind von eurem Eltern-Engagement abhängig. Wenn man mal ehrlich ist, ist es ja auch was Schönes, wenn man Zeit mit seinem Kind verbringen kann. Die Kindheit ist meistens so schnell vorbei und wenn man dadurch mehr Zeit mit seinem Kind verbringen kann, umso besser.

Emotionen verbinden ja auch ungemein. Zusammen trauern, wenn es mal nicht so gut gelaufen ist, lässt sich manchmal leichter verarbeiten als alleine. Nicht umsonst heißt es ja: Geteiltes Leid ist halbes Leid! Auch ein Erfolg will zusammen gefeiert werden und jeder möchte teilnehmen an einem tollen Ereignis wie beispielsweise ein Turniergewinn, eine Handicap-Verbesserung oder einfach nur ein toller Schlag! Aus Erfahrung weiß ich, dass man noch Jahre später über solche Erlebnisse mit den Eltern gerne redet.

Doch die Art und Weise, wie die Kids von euch zum Teil "betreut" werden, macht mir Angst. Bei einem großen Jugendturnier in Deutschland war es morgens auf der Driving Range mein Job, die Kids auf die Runde bestmöglich einzustimmen und nach der Runde sowohl inhaltlich als auch emotional abzuholen. Also verbringt man gut und gerne mehr als zehn Stunden pro Tag auf der Anlage.

Kinder können Verantwortung übernehmen

Doch immer häufiger frage ich mich, ob ich wirklich auf einem Golfplatz bin, wo gerade ein Golfturnier stattfindet. Manchmal fühle ich mich eher wie in einem Irrenhaus. Häufig sehe ich Eltern, die zum Teil motivierter als die eigenen Kinder sind. Ihr putzt euren Kindern die Golfschläger vor der Runde. Und meistens nur, damit das Kind ja etwas mehr Zeit vor der Runde für andere Dinge hat. Meine Lösung wäre vielmehr, einfach mal früher auf den Golfplatz fahren.

Ihr markiert die Bälle für euer Kind. Es sollte eher anderes herum sein. Euer Kind sollte euch ein Bild zum Mutter- oder Vatertag malen. Ihr kontrolliert, ob euer Kind alles im Bag hat. Regenschirm, Regenjacke, genug zu essen etc. Natürlich sollte man das bis zu einem gewissen Alter machen. Manchmal sind die Kids ja auch dankbar. Gerade, wenn eine gewisse Nervosität dabei ist. Aber spätestens in der Altersklasse 16/18 sollte man das doch mal darauf ankommen lassen. Wo bleibt sonst der Lerneffekt?

Ihr rennt über das Fairway, wenn euer Kind einen Ball ins Rough geschlagen hat, nur aus Angst, es könnte ein Doppel-Bogey spielen. Wie soll denn euer Kind mit einer solchen Situation umgehen, wenn ihr nicht als Vorcaddy dabei seid. Dann muss es auch lernen, einen Ball selber zu suchen. Ich habe selber zum Teil schon erlebt, wie ihr zum Fairwaysprint ansetzt, obwohl der Flight noch nicht komplett abgeschlagen hat. Das stört natürlich auch die anderen zwei Spieler, die eine faire Chance verdienen, ihren Ball ins Spiel zu bringen.

Ihr macht zum Teil Videoaufnahmen auf der Range von Golfschwüngen, um im Anschluss noch zu coachen! Ich meine, wenn ich Zahnschmerzen habe, schicke ich doch mein Kind nicht zum Bäcker. Oder, nur weil der Eine oder Andere schon mal eine Trainerstunde bei einem Golfpro hatte, ist man doch nicht gleich selber ein Golfpro. Ich würde mich auch nie wagen, meinen Kindern etwas über Versicherungen oder Sonstiges zu erzählen, wo ich nicht wirklich geschult bin. Dafür gibt es eine Ausbildung über drei Jahre bei der PGA of Germany.

Wenn es regnet, dann halten einige von Euch sogar beim Training einen Regenschirm über den Kopf. Hallo?! Golf ist eine Outdoorsportart. Und wenn ich nicht lerne, damit klar zu kommen, dann sollte ich eher Schach (und das meine ich nicht böse! Ich spiele selber gerne Schach) oder Hallen-Halma spielen. 

Lernen, mit Rückschlägen umzugehen

Auch wenn dieser Beitrag über Sport und Turniere handelt, so können wir das auch auf das Leben spiegeln. Jeder von Euch hat den Wunsch, einmal selbstständige Kinder zu haben, die in dieser Welt bestehen können. Die in Krisensituationen einen kühlen Kopf bewahren und nach einer passenden und positiven Lösung suchen. Auch sollen unsere Kinder in der Zukunft mit Rückschlägen umgehen können, wenn wir mal nicht (mehr) da sind. Aufstehen nach Rückschlägen muss man früh üben und nicht erst mit 40 oder 50 Lebensjahren.

Als zweifacher Vater weiß ich selber, wie schwer das ist, seine innere Mitte zu finden, wenn das eigene Kind ein Turnier spielt. Auch ich leide immer mit meinen eigenen und "adoptierten" Kids - die Kinder welche ich seit Jahren betreuen darf - mit. Es gab viele Momente, in denen ich gerade auch bei meinen "adoptieren" Sportkids einfach mal weggehen musste, um nicht zu nervös zu sein. Kids merken das und beobachten viel. Ein hektisches und nervöses Umfeld während eines Turniers hilft gar nicht. Auch nicht, wenn es nur gut gemeint ist.

Traut euren Kindern mehr zu und versucht, sie nicht vor Unheil auf dem Golfplatz zu bewahren. Bei meinen Kindern lenke ich mich mit der Fotografie ab. Und lese immer häufiger ein Buch auf der Terrasse. Nur wer hinfällt, kann lernen, selber wieder aufzustehen.

Euer Christian (, der es einfach nur gut meint) 

P.S.: Bitte nehmt diesen Beitrag nicht persönlich. Auch wenn ich manchmal die eine oder andere provokante Art habe, dieses Thema zu behandeln. Jene, die mich kennen, wissen, dass ich versuche, die Golfwelt ein wenig anders zu machen.

 

Thomas Kirmaier

Thomas Kirmaier
Freier Redakteur

Tauschte 2010 die Eishockey- gegen die Golfschläger. War 15 Jahre lang Sportredakteur bei Tageszeitungen und ist heute freier Autor. Golferische Homebase: Bad Griesbach.

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