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Haley Moore: Der amerikanische Golftraum

Haley Moore hat sich allen Widrigkeiten zum Trotz auf die LPGA Tour gekämpft. Ein Portrait.

04. September 2020

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Ein Mädchen, das jahrelang aufgrund ihres Übergewichts gemobbt wurde, allen Widerständen zum Trotz an ihrem Traum festhielt und dann wirklich das erreicht, was ihr nur die wenigsten Weggefährten gönnten. Klingt zunächst nach den Zutaten eines kitschigen Hollywood-Streifens, den es so schon zigmal auf der Leinwand zu sehen gab. Eine, für die dieser amerikanische Traum zur Realität wurde, ist Haley Moore. Die 21-jährige Kalifornierin wechselte 2019 ins Profigeschäft, ist seit dieser Saison Teil der LPGA Tour und damit angekommen im Golfolymp. Haley ist ein Mitglied der Tour-Familie und kann endlich die so schwere Vergangenheit beiseiteschieben.

Der LPGA-Rookie hatte schon immer etwas mehr auf den Hüften als ihre Mitschüler. Daraus machte sie noch nie einen Hehl, wie sie selbst in einem Blogeintrag auf lpga.com schreibt. Ein gefundenes Fressen für die pubertierenden Kinder auf Middle und High School. Die aus San Diego stammende Haley war zu ihrer Schulzeit Opfer von Mobbern. Zuhause sprach sie darüber nicht gerne. Doch Mama Michele war sich der problematischen Situation ihrer Tochter bewusst. Die Moores sind eine sportliche Familie. Haleys Vater spielte Football an der Ohio State. Die Mutter, Michele, widmete sich am College dem Tennissport und mit ihrem älteren Bruder ging sie auf den Fußballplatz oder spielte Baseball. Die Geschwister forderten sich schon immer gerne gegenseitig heraus.

Ein Anruf bei Mama

Haley war aufgrund ihrer körperlichen Konstitution schon als Kind meist besser als die Jungs im Fußball. "Das machte mich nicht wirklich beliebt", schreibt sie. Als sportaffines Mädchen ging sie nicht den gewöhnlichen Weg und sah sich so immer wieder Streichen ihrer Mitschüler ausgesetzt. Einer blieb Haley ganz besonders in Erinnerung. Denn dabei wurde ihr damaliges Lieblingsbuch von Justin Bieber zerstört. Dies traf sie so schwer, dass sie schluchzend bei ihrer Mama anrief. Michele tat das, was Mamas in dieser Situation tun, und stellte sich bei den Verantwortlichen der Mittelschule persönlich vor. Haley wurde im Anschluss in Ruhe gelassen.

Wirklich allein war Haley glücklicherweise selten. Freunde und Familie waren immer für sie da, wofür sie heute sehr dankbar ist. Aber die Probleme machten auch an der University of Arizona nicht Halt. Im Zuge ihres ersten Besuches schaffte es die damals 14-jährige Teenagerin nicht rechtzeitig auf die Toilette und übergab sich vor hunderten von Schülern im Essenssaal. Der schüchterne und unsichere Neuling, der sich die Uni schon einmal anschauen wollte, wurde direkt vom Coach des Golfteams, Laura Ianello, unter die Fittiche genommen und mit einem nassen Handtuch ins Bad begleitet. Haley kehrte durchnässt, aber mit einem Lächeln im Gesicht zurück. "Das war der Moment, in dem ich wusste, dass Haley in guten Händen ist", erinnert sich Mama Michele.

LPGA-Debüt mit 16

Der Golfplatz entwickelte sich früh zum sicheren Rückzugsort von Haley. Dort war sie schon immer in ihrem Element und besser als alle anderen. "So etwas hatte ich noch nie gesehen", schwärmt Coach Ianello über die Fähigkeiten ihrer ehemaligen Schülerin. Mit zunehmendem Wettbewerbsgedanken veränderte sich aber schon bald auch die Stimmung auf dem Platz. Neidische Mitstreiterinnen versuchten mit allen Mitteln die überlegene Konkurrentin Haley auszustechen. Jedoch ohne Erfolg. Dank herausragender sportlicher Leistungen auf der High School sicherte sich das junge Nachwuchstalent einen Platz im ANA Inspiration 2015, einem der fünf Major-Turniere im Damengolf. Im Alter von 16 Jahren schaffte Haley als einzige Amateurin den Cut und wusste ab dem Moment, dass sie hier hingehöre.

Der endgültige Durchbruch sollte noch ein paar Jahre auf sich warten. Zunächst stand aber der Wechsel auf die University of Arizona an. Ab Juni 2016 war Haley Mitglied des College-Golfteams. Und erneut stach sie durch ihr golferisches Talent heraus. Schon bei ihrer ersten NCAA Championship, der nationalen College-Meisterschaft, wurde sie Zweite. Schnell hatte sie ihren Platz im Startteam sicher. Abseits vom Golf lief es jedoch nicht in die richtige Richtung. Die damals 17-Jährige war der neuen Situation nicht gewachsen und scheiterte an einfachen Dingen wie Wäschewaschen oder kochen. Alltagsprobleme führten zur Isolierung, in der sie lediglich noch zu ihrem Bruder persönlichen Kontakt hatte. Als dieser dann die Uni wechselte, brach Haley aus ihrer Komfortzone heraus und wurde unabhängiger.

Teil eines Siegerteams

Dank des Golfsports erlebte Haley einen der schönsten Momente ihres Lebens. Denn Golf ist ihr Leben. Als an Eins gesetzte Spielerin des University of Arizona kam es bei der NCAA 2018 am Ende auf sie an, ob man sich gegen die University of Alabama durchsetzen und den begehrten College-Titel holen würde. Haleys Match ging in die Verlängerung und dank eines eingelochten Birdie-Putts aus gut einem Meter waren die favorisierten Kontrahenten aus Alabama besiegt. Das einst gemobbte Mädchen war die Heldin einer ganzen Universität. Sie verspürte nach vielen Jahren endlich die Anerkennung und den Stolz, nach dem sie sich so lange gesehnt hatte.

Als Nummer 21 des World Amateur Golf Rankings wurde Haley zum ersten Augusta National Women’s Amateur eingeladen und wurde Siebte. Im Mai 2019 absolvierte sie ihren Abschluss und hinterließ große Fußspuren an der University of Arizona. Wenige Monate später sicherte sie sich ihre LPGA-Tourkarte. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits drei Titel als Proette geholt und zwei Platzrekorde aufgestellt. Jetzt, wo sie den steinigen Weg nach oben gemeistert hat, will Haley denen helfen, die auch mit Mobbing zu kämpfen haben. "Ich habe realisiert, dass meine Geschichte mitreißend ist und ich will jedem jungen Mädchen und Jungen, das gemobbt wird, helfen." Haley hat eine Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die kein Drehbuchautor in Hollywood besser hätte schreiben können.

Daniel Dillenburg

Daniel Dillenburg
Redakteur

Daniel Dillenburg, Teil der Golf.de Redaktion seit 2013, erst als Volontär, danach frei, Baujahr 1994, geboren in England, Platzreife 2012 und immer noch Handicap 54, viel Sport machen, Fußball, Golf und Fitness, für Golf.de aus dem Taunus nach München gezogen. Heimatclub: GC Eschenried.

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