Marcel Siem: #mywayback

Mit Kampfgeist und neuem Ansatz

Ein neuer Ansatz, Veränderungen im Management und ein neues Umfeld sollen Marcel Siem den Weg zurück in die Spitze ebnen.

15. Oktober 2020

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Im Jahr 2019 ging für den deutschen Golfsport eine kleine Ära zu Ende. Getrost konnte man Marcel Siem über 16 Jahre lang als Fixpunkt in der deutschen Profiszene sehen. Ein charismatischer Charaktertyp, mit dessen Name auch Hobbygolfer etwas anzufangen wussten - auch wenn es der mittlerweile 40-Jährige nie so richtig und voll und ganz an die Spitze geschafft hatte. Es gab einen Cut. Siem verpasste um Haaresbreite das Spielrecht in der ersten Liga und musste verschiedene Wege gehen, improvisieren, viel Reisen, Strapazen auf sich nehmen, kämpfen, um stand heute nach wie vor keinen festen Platz im Feld der Turniere zu haben, die für das Zurückgewinnen der Spielberechtigung essentiell sind. Der Profi aus der Nähe von Düsseldorf hat aber den Kampfgeist und Willen, sich zurückzukämpfen - und er hat einen Plan. 

Wenig Geduld aber begnadetes Balltalent

Früher war Siem einer, der den Golfplatz auf der Stelle zerlegen wollte, aber dafür auch immer wieder wegen mangelnder strategischer Weitsicht Lehrgeld bezahlte. Mit dem Ball zaubern konnte er dafür wie kaum ein anderer. Schwierige Bedingungen schürten seine Hochform. Einer seiner ganz großen Siege bei der Open de France 2012 kam wie aus dem Nichts. Die Konkurrenz war stark, der spätere Ryder-Cup-Platz überaus anspruchsvoll. Und der Heißsporn mit dem Pferdeschwanz war in aller Munde. Startberechtigungen bei der British und US Open und bei WGCs waren die Folge, die Top 50 der Welt ein greifbares Ziel. Ein Jahr später gewann er in Marokko, schließlich noch das mit einer knappen Million dotierte BMW Masters in Shanghai. Der Wechsel auf die große Bühne der US PGA Tour schien möglich, Siem war obenauf.

Unter den Top 50 der Weltrangliste war Siem dann dennoch nur ganz kurz zu finden. Einmal wurde der Longhitter auf Position 48 geführt. Doch halten konnte er sich nicht in den oberen Rängen der OWGR, die auf Dauer nötig sind, um auch bei den ganz großen Turnieren dabeizusein. Das Masters in Augusta bliebt Siem bis heute verwehrt. Seit 2015 ging es ziemlich stetig bergab. Ausgang offen. Das Ausscheiden wäre für die deutsche Golfszene ein Verlust. Ob er sich noch einmal neu erfinden kann? Wer weiß – für Überraschungen jedenfalls war Siem bis dato immer gut. "Damals wollte ich alles zu schnell und auf einmal, mit Familie in die USA ziehen und von der Web.com direkt auf die PGA Tour, und habe dann angefangen, an meiner Technik rumzufummeln", erinnert sich Siem an seinen "größten Fehler". 

Familie, Kunstrasen, Kampfsport

Mit #mywayback lässt sich in den sozialen Medien die neue Strategie verfolgen. Und wer ihn kennt, weiß, dass gerade er sich nicht zu schade ist, sich wenn nötig auch ein weiteres Mal neu zu erfinden. Er hat den großen Willen, wieder um Titel zu spielen. Dafür hat er alte Zöpfe abgeschnitten und versucht, neue Wege zu gehen. Das Management hat er vom Vater in die Hände von Dirk Schimmel und der Hamburger Agentur Ethos übergeben. Trainer André Kruse neu, Caddie neu - bzw. zum aktuellen Zeitpunkt ohne - und mit Life-Coach Holger Fischer, der u.a mit Tennis-Ass Angelique Kerber oder auch Rene Adler gearbeitet hat, feilt er an der mentalen Stärke. Dazu kommt ein Fitnessprogramm mit MMA-Fighter Paul Goette, das Anlehnungen im Kickboxen hat. "Holger und Dirk halten mir den Rücken frei und glauben an mich. Mein Team hilft mir, mit kleinen Zielen Schritt für Schritt mein Selbstvertrauen zu stärken, mich selbst zu finden, neu zu erfinden und fit zu machen und meine Ansprüche in den Griff zu bekommen." Früher wollte er immer gewinnen, jetzt gehe es erst einmal darum, realistisch im Jetzt zu sein, jeden Tag neue Ziele zu stecken und sich zurück nach oben zu arbeiten. Immerhin: "Ich bin fit wie nie zuvor und nähere mich dem Punkt, meinem Schwung wieder blind zu vertrauen." Das sei phasenweise aber schon hart gewesen. Sein Lebensberater und Allround-Helfer habe ihn teils mehrere Tage zu sich geholt und ihn dazu gebracht, sich seine Situation einzugestehen und ehrlich zu sich selbst zu sein - ihn "auf den Boden der Tatsachen geholt und dann wieder aufgebaut".

Parallel dazu verfolgen er und seine Frau Laura in der jüngsten Vergangenheit mit der Marcel Siem Golf Experience als Showroom für Huxley Golf Grüns ein Familien-Projekt, bei dem sie gemeinsam die Geschäfte führen. Ausgehend von den in der "Liebevoll Auermühle" in Ratingen einladend angelegten Putting- und Chipping-Grüns auf mehr als 300 Quadratmetern, wollen sie den Golfsport dank der hochwertigen synthetischen Spielflächen auch bei schlechtem Wetter und in harten Wintern einem breiten Publikum in lockerer Atmosphäre bieten. "Es ist sehr cool zu sehen, wie viel Spaß hier Familien mit kleinen Kids haben. Und in der Corona-Zeit konnte ich mich schon mehr um die Designs der Grüns kümmern und die Kunden persönlich besser betreuen", ergänzt Siem beim Gespräch zwischen einer Tennis-Session und dem nächsten Termin im Garten eines Kunden. "Ich freue mich über jeden Anruf und Auftrag." Dennoch und gerade jetzt: In Sachen Profi-Golf geschlagen geben will er sich längst nicht. "Ich liebe den Wettkampf und glaube fest daran, dass ihr mich schon bald wieder voll und ganz auf der European Tour um Siege kämpfen seht.“

Sebastian Burow

Sebastian Burow
Chefredakteur Golf.de/Mygolf

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