Kommentar

Reed, Golf und seine Integrität

Der Vorfall um Patrick Reed erhitzt die Gemüter. Zurecht, findet Daniel Dillenburg, der die Integrität unserer Sportart beschädigt sieht. Ein Kommentar.

01. Februar 2021

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Auch wenn der GolfSport als ein Gentlemen’s Game gilt, kommt auch er nicht gänzlich ohne Regeln aus. Diese bestehen aber nur zum Teil aus denen in einem kleinen Büchlein niedergeschriebenen Textpassagen, die einem verraten, wo der Ball denn nun ordnungsgemäß gedroppt wird. Hinzukommen die - vermutlich viel wichtigeren - Verhaltensregeln, die von der Etikette bestimmt werden. In etwa der Knigge des Golfsports. Sie regeln das reibungslose Zusammenspiel unter den Golfern miteinander. Solange man sich so verhält, wie man es von anderen erwarten würde, und man stets den Respekt vor den Mitspielern sowie dem Spiel bewahrt, steht diesem Miteinander eigentlich nichts im Weg.

Ganz ungeschrieben sind diese Gesetze aber natürlich nicht. So spricht der Royal and Ancient Golf Club (R&A) auf seiner Webseite vom "Spirit of the Game", der auf den drei Werten Ehrlichkeit, Integrität und Zuvorkommenheit basiert. Begriffe, die durchaus bedeutungsschwanger daherkommen, jedoch zu jeder Zeit im Gedächtnis eines Golfers präsent sein sollten. Egal ob auf der Wettkampf- oder der Freizeitrunde. Nur so kann der Geist dieser wunderschönen Sportart bewahrt werden.

Da kann man schon mal ins Stutzen kommen, wenn man am Wochenende einigen der besten Spielern der Welt dabei zuschaut, wie sie zwischen den Pinien des South Courses von Torrey Pines um ein Gesamtpreisgeld in Höhe von 7,5 Millionen US-Dollar spielen, und sich eben nicht jeder im Feld so verhält, wie man es von einem Profi im Rampenlicht erwarten würde. Der Vorfall, von dem hier die Rede ist, wurde schon an anderer Stelle ausführlich beschrieben. Und auch, dass Patrick Reed für seine Aktion in Runde drei der Farmers Insurance Open keine Strafe erhielt, er also dem Urteil der PGA Tour nach entsprechend der niedergeschriebenen Regeln handelte, will hier nicht in Frage gestellt werden.


(Patrick Reed in Runde drei der Farmers Insurance Open 2021, Photo by Ben Jared/PGA TOUR via Getty Images)

Abseits der Einhaltung des abgedruckten Regeltextes wurde jedoch eine Säule der Etikette beschädigt. Und diese lautet: Integrität. Denn wie Reed bei der Inanspruchnahme des straffreien Besserlegens vorging, spricht nicht mit dem Verhaltenskodex auf dem Golfplatz überein. Denn im Zweifel wird nicht einfach eigenhändig der Ball vom "Tatort" entfernt und beiseitegelegt, nur um sich anschließend vom Regeloffiziellen bestätigen zu lassen, dass man richtig gehandelt hat. Nein. Im Zweifel hebt man erst die Hand und zieht den Rat des unabhängigen Experten heran und danach erst kann der Ball, falls es denn genehmigt wurde, gedroppt werden.

Doch viel schwerwiegender als die Aktion selbst, ist doch der Umgang mit diesem zurecht kontrovers diskutierten Zwischenfall. Weder Reed noch die PGA Tour geben hier ein gutes Bild ab. Der Spieler selbst zeigte im Anschluss an die dritte Runde mit seinem Finger auf andere, nach dem Motto: "Der hat aber auch." Schade. Denn all das überschattet seine überragende sportliche Leistung, die ihm verdientermaßen seinen neunten Titel einbrachte.

Und anstatt der Angelegenheit mit Fingerspitzengefühl zu begegnen, spielt man die Situation von offizieller Seite herunter, legt die schützende Hand der Paragrafen über den Beschuldigten und spricht gar von einer "lehrbuchmäßigen" Vorgehensweise von Reed. Regeltechnisch mag dies alles stimmen. Aus Sicht der Etikette darf man daran jedoch arge Zweifel haben. Und wenn dabei Reeds Ruf, der ihm aufgrund seiner vergangenen Auseinandersetzungen mit dem Regelwerk vorauseilt, eine Rolle spielt. Dann muss auch dies berücksichtigt und in der Öffentlichkeit entsprechend gehandhabt werden.

Den Beobachter für dumm zu verkaufen, war noch nie eine gute Idee. Da wundert es einen nicht, dass selbst die PGA-Tour-Kollegen ihren Unmut äußern und es sie - um Lanto Griffin zu zitieren - "ankotzt", so etwas zu sehen. Daher kann man nur hoffen, dass sich so etwas nicht wiederholt und Lehren daraus gezogen werden, wie die Integrität auf der weltweit größten Tour bewahrt werden kann. Denn darum geht es doch in unserem geliebten Gentlemen’s Game.

Daniel Dillenburg

Daniel Dillenburg
Freier Redakteur

Daniel Dillenburg, schreibt seit 2013 über den schönen Golfsport und ist nun nach seinem Bachelorstudium im Fach Medienwissenschaft nach Wien gezogen. Artikel werden trotzdem noch in hochdeutsch verfasst.

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