Interview

"Müssen an der Spitze gut spielen"

23. März 2021

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Caroline Masson spricht im exklusiven Interview über den Status quo und Potenziale im deutschen Damengolf.

Caroline Masson hat den Weg an die Spitze des internationalen Damengolfs schon lange erfolgreich gemeistert. Die 31-Jährige aus Gladbeck blickt im exklusiven Interview mit myGOLF.de auf Chancen der Professionalisierung und Defizite im Damengolf und zieht bei der Ausbildung von deutschen Golftalenten einen Vergleich zu den USA, wo die amtierende Solheim-Cup-Titelträgerin und Teilnehmerin bei den Olympischen Sommerspielen 2016 lebt. Der bekennde Fan des Fußball-Bundesligisten FC Schalke 04 bewertet zudem den historischen Major-Sieg 2020 ihrer Landsfrau Sophia Popov, äußert sich zu ihrer aktuellen sportlichen Situation und gibt einen Einblick in ihre persönliche Einstellung zu Sozialprojekten. /""

myGOLF.de: Ärgern Sie sich derzeit prinzipiell mehr über eigene Ergebnisse oder über den FC Schalke 04?
Caroline Masson
: Das ist im Moment eine schwierige Frage (lacht). Ich habe die letzten Monate viel trainiert und mich auf die neue Saison vorbereitet. Letztes Jahr war insgesamt okay, aber von meinem Spiel her war es nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe. Ich habe in der Off-Season Gas gegeben und viel trainiert. Von daher war ich ganz gut abgelenkt und musste mich nicht zu sehr auf Schalke konzentrieren. Aber trotzdem habe ich die Spiele verfolgt. Das macht einen natürlich traurig, wenn man von Klein auf Schalke-Fan ist und jetzt innerhalb kürzester Zeit vieles in die Brüche geht.

Was haben Sie sich für die laufende Saison vorgenommen?
CM
: Ich habe mich bei den letzten Turnieren in Florida super gefühlt. In der Off-Season habe ich davor viel an der Technik gefeilt. Bei den Turnieren habe ich nun gemerkt, dass ich alles gut umsetzen konnte. Im Großen und Ganzen habe ich das Gefühl, dass sich die Arbeit auszahlt. Ich bin happy, auch wenn die Resultate immer besser sein können. Insgesamt war es ein guter Start. Meine Ziele sind relativ simpel: Ich möchte irgendwann mal wieder gewinnen. Dafür muss zwar ziemlich viel in einer Woche zusammenlaufen. Aber ich habe das Gefühl, dass ich die Kontrolle über mein Spiel habe, um in einer guten Putt-Woche auf der Tour gewinnen zu können. Das gibt einem Auftrieb für die nächsten Wochen mit vielen Turnieren.

Auf welche Wettbewerbe freuen Sie sich besonders?
CM
: Wir haben viele Turniere und mit den olympischen Spielen und dem Solheim Cup zusätzlich zwei Highlights in diesem Jahr, bei denen ich natürlich dabei sein möchte. Da muss man Woche für Woche gut spielen, dann rückt das immer näher. Ich versuche mich jede Woche zu konzentrieren und gehe jedes Mal mit der Einstellung an den Start, dass ich gewinnen kann und will.

Hört sich fast an wie Fußballer des FC Schalke 04, die von Spiel zu Spiel denken. Gelingt Ihnen diese Vorgehensweise derzeit gut?
CM
: Man kann immer nur das kontrollieren, was man pro Schlag an demjenigen Tag macht. Alles andere sind Dinge, die sich im Golf ergeben. Ich kann nicht morgen auf den Platz gehen und über den Solheim Cup nachdenken. Das bringt nichts. Klar ist das mein Ziel. Ich war vier Mal dabei und möchte das auch auf keinen Fall missen. Der Grundstein für diese Veranstaltung wird allerdings woanders gelegt.

Wie ordnen Sie den Erfolg von Sophia Popov bei den British Open 2020 hinsichtlich des deutschen Damengolfs ein?
CM
: Aus meiner Sicht hat das eine riesige Bedeutung. Als erste Deutsche ein Major zu gewinnen, ist eine wahnsinnige Leistung. Ich habe mich sehr für Sophia gefreut. Sie hat immer das Potenzial gehabt, auf der LPGA Tour zu spielen und ein Turnier zu gewinnen. Es sollte in Deutschland eine große Wirkung auf den deutschen Golfsport im Allgemeinen und das Damengolf im Speziellen haben. Mädchen fangen hoffentlich an, Golf zu spielen und solchen Erfolgen nachzueifern.

Werden nach diesem historischen Sieg tatsächlich nun viele Mädchen in Deutschland vermehrt zum Golfschläger greifen?
CM
: Da in Deutschland die Golfplätze teilweise geschlossen waren, habe ich die Befürchtung, dass der Effekt ein klein wenig verpufft. Unabhängig davon habe ich aber immer gesagt, dass der einzige Weg, um das Damengolf populärer zu machen, ist, wenn wir an der Spitze auch gut spielen. Das ist Sophia gelungen und ich hoffe, dass sich solche Siege langfristig positiv auf das Damengolf in Deutschland auswirken werden.

Wie sehen Sie die fortschreitende Professionalisierung im Damengolf insbesondere auf europäischer Ebene bei der LET?
CM
: Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Ich habe auf der LET damals angefangen und es war für mich ein guter Einstieg ins Profi-Leben. Die LET hat mir den Weg auf die LPGA Tour erleichtert, weil ich dort Erfahrungen sammeln konnte. Von daher ist die LET extrem wichtig für Golferinnen in Europa. Deshalb halte ich es für einen richtigen Schritt der LPGA, eine Kooperation mit der LET und auch mit der European Tour einzugehen.   

Was muss dennoch weiter verbessert werden?
CM
: Das Preisgeld muss besser werden. Die Spielerinnen müssen Geld verdienen und sich über Wasser halten können. Ich hoffe, dass die LET mit den neuen Turnieren einen Schub bekommt und noch weitere Turniere hinzukommen. Das Spielniveau ist gut, nur die Spielerinnen müssen die Möglichkeit bekommen, sich zeigen zu können. Ich hoffe, dass dies nun öfter gelingt.

Wie beurteilen Sie die Ausbildung in Deutschland und welche Vergleiche ziehen Sie zu den USA?
CM: Ich denke, dass das deutsche Ausbildungssystem im Golf gut ist. Wenn ich mich an meine Zeit zurückerinnere, hat wie in meinem Fall der Landesgolfverband in Nordrhein-Westfalen ebenso wie der DGV einst einen guten Job gemacht. Ich hatte gute Trainingsmöglichkeiten und mit Günter Kessler einen hervorragenden Trainer, mit dem ich trainieren konnte. Im Nationalkader konnte ich Turniere spielen, bei denen ich von einem Team aus Trainern, Physiotherapeuten und Mentaltrainern begleitet wurde. An der Förderung liegt es nicht. In den USA ist es nämlich etwas anders: Da ist jedes Kind und jede Familie auf sich alleine gestellt und es gibt keinen Verband, der finanziell unterstützt. Eine solche Situation gibt es in Deutschland nicht.

Woran könnte es dann liegen, dass andere Nationen in der Ausbildung entweder in der Breite oder an der Spitze erfolgreicher sind als Deutschland?
CM
: Einer der Gründe insbesondere bei den Mädchen liegt darin, dass man kein Damengolf im Fernsehen und vor Ort anschauen kann. Wie viele Mädchen in Deutschland haben sich jemals ein LPGA-Turnier angeschaut? Wahrscheinlich nur sehr wenige. Die Förderung in Deutschland ist meiner Meinung nach gut, aber es fehlt manchmal bei dem einen oder anderen Golftalent auch an der Motivation und Inspiration, seinen Vorbildern nachzueifern. Sich zu sagen: Hey, ich möchte wie Caro, Sophia oder Nelly Korda spielen.

Wie darf man sich Ihre berufliche Situation unter Corona-Zeiten in den USA vorstellen?
CM
: Es war letztes Jahr schwierig, sich auf die neue Saison vorzubereiten und gewisses Leistungsniveau zu halten. Seitdem die Saison wieder gestartet ist, wurde alles ein bisschen komplizierter. Es gibt viele Einschränkungen und es fällt manchmal schwer, sich auf Dinge abseits des Golfplatzes freuen zu können. Einige Spielerinnen auf der Tour leiden darunter, weil soziale Kontakte eingeschränkt sind und auf der Strecke bleiben. Aber insgesamt ist es ein Jammern auf hohem Niveau und wir können natürlich froh sein, dass wir letztes Jahr die Möglichkeiten zum Spielen hatten.

Inwieweit hat sich in dieser speziellen Zeit die Bedeutung Ihrer sozialen Engagements wie zum Beispiel jüngst mit Ihrer Kooperation mit dem Verein Kinderlachen e.V. verändert?
CM
: Die hat sich sehr verändert. Wir haben alle an der eigenen Person erfahren müssen, dass soziale Kontakte sehr wichtig sind und es auch entscheidend ist, an andere zu denken. Ich fand es erschreckend, wie viele Kinder in Deutschland Hilfe benötigen. Deswegen war es für mich eine logische Konsequenz, dass ich dort dabei sein möchte. Ich freue mich sehr, Kinderlachen e.V. in meiner Rolle als Botschafterin zu unterstützen, weil es mir wichtig ist, was vor meiner Haustüre in Deutschland passiert. In der Zukunft sind viele Aktionen geplant, unter anderem in Verbindung mit den fünf Damen-Majors. Und ich beabsichtige bei der einen oder anderen Veranstaltung in Deutschland auch mal vor Ort zu sein.

Wie lauten Ihre Ziele für 2021 abgesehen von dem Wunsch, dass der FC Schalke 04 nicht absteigt?
CM
: Schalkes Abstieg ist relativ sicher, an einen Klassenerhalt brauche ich leider keinen Wunsch mehr verschwenden. Ich wünsche mir, dass alles ein Stück weit wieder zurückkehrt in Richtung Normalität. Dass jeder zu schätzen weiß, was Freunde, Familie und soziale Kontakte bedeuten. Und ich erhoffe mir, dass Menschen ein bisschen sensibler werden und mehr füreinander da sind.

Das Gespräch führte Robert M. Frank

Robert M. Frank

Robert M. Frank
Freier Redakteur

Nach abgeschlossenem Sportwissenschaft-Studium an der TU München ab 2008 als freier Autor/Reporter/Sportjournalist für Online-Portale, Tageszeitungen, Zeitschriften und Agenturen tätig. Der gebürtige Münchner, Jahrgang 1981, mit Trainerlizenzen im Fußball und Tennis stieß 2018 zum Golf.de-Redaktionsteam hinzu. Heimatclub: G&LC Gut Rieden in Starnberg.

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