Sport

Wachstum ja, aber bitte bloß keinen Boom!

Nur eine Woche nach der U.S. Open im Tennis findet die U.S. Open im Golf statt. Ebenfalls in New York.

17. September 2020

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Golf und Tennis - es gibt so viele Parallelen...

Wachstum, Wachstum, Wachstum - was Ökonomen immer wieder predigen wie Geistliche das Evangelium, fürchten Psychologen nicht selten wie der Teufel das Weihwasser. Wenn etwas wächst, ist das per se nicht schlecht, wenn es aber zu schnell wächst, platzt es. Dann gibt es einen Crash und alle Beteiligten schauen dumm aus der Wäsche. Hat eben nicht jeder kommen sehen. Manchmal auch aus Naivität.

Der deutsche TennisSport zum Beispiel kann ein Liedchen davon singen. Was war das für ein Boom, den Becker und Graf mit ihren Erfolgen Mitte/Ende der 1980er-Jahre ausgelöst hatten. Wer was auf sich hielt, meldete sich im örtlichen Tennisclub an. Wartezeiten waren da nicht selten. Die Beiträge schossen in die Höhe. Das war eine Zeit, in der auch Bernhard Langer seine Grünen Jackets anziehen durfte, aber Golf? Das war damals nur ein Randsport. Keine 100.000 Mitglieder zählte der Deutsche Golf-Verband damals.

Heute hat sich diese Zahl mehr als versechsfacht. Golf ist hübsch gewachsen in den vergangenen 30 Jahren. Deutschland ist Europameister, zum ersten Mal gewinnt mit Sophia Popov eine Deutsche ein Majorturnier. Das sind Erfolge, die hoffen lassen, dass der Golfsport Fahrt aufnimmt. Wie aus diversen Clubs zu hören ist, erfreut man sich an der steigenden Begeisterung für den kleinen, weißen Ball. Schnupperkurse sind gut besucht. Es klingt paradox, aber Golf kann und wird von der Pandemie profitieren. Wieso? Bewegung an der frischen Luft in noch unentdeckten Naturparadiesen um die Ecke und vor allem: viel Raum. Abstands- und Hygieneregeln einhalten? Beim Golf kein Problem.

Was wird das also jetzt? Ein Boom? Der Duden versteht unter "Boom" eine Hochkonjunktur, einen plötzlichen wirtschaftlichen Aufschwung oder ein plötzliches, gesteigertes Interesse an etwas. Trifft für Golf schon zu. Hoffentlich geht es dem Golf- nicht so wie dem Tennissport, der nach seiner Hochzeit Anfang der 1990er zum Jahrtausendwechsel wieder deutlich schrumpfte. Nach dem Boom machte es bumm. Es war also eine sehr kurze Glanzphase, nach 2000 ging es wieder rapide nach unten. Aus Fehlern haben sie gelernt in den großen Tennisverbänden.

Was Golf daraus lernen kann? Dass es sich nicht lohnt, völlig überschwänglich zu werden. Mit Golf, der Sportart der Demut, sowieso nicht. Steigende Zahlen sind Indikatoren, aber noch längst kein Grund, nachzulassen und sich zurückzulehnen. Du musst das Feuer immer wieder entfachen, dran bleiben, neue Märkte erobern und die Menschen immer wieder aufs Neue begeistern. Permanent und ohne echte Pause. Das ist knallharte Arbeit. Ein mühevoller Prozess. Da können die Golfverbände in Deutschland doch noch so einiges bewegen.

Wie nah Golf und Tennis beieinanderliegen, zeigte jüngst wieder ein Beispiel in New York. Im USTA Billie Jean King National Tennis Center fanden die US Open im Tennis statt. Vor dem dortigen Arthur Ashe Stadium gab es eine Art Activity Area, wo Gäste Golf spielen konnten (Foto unten: Getty Images). Okay, gehobenes Minigolf, aber dieser Spaß sollte sicher auch Appetit machen für die US Open im Golf, die eine Woche später im Winged Foot Golf Club stattfinden, der nur eine halbe Stunde entfernt von Flushing Meadows in Mamaroneck liegt.

Golf und Tennis gehören irgendwie doch zusammen - mit einem entscheidenden Vorteil für Golf: Wen beim Tennis die Gelenke zwicken, der wechselt gerne zum Golf, weil es weniger impulsiv ist. Tennisspieler werden im Alter nicht selten zu guten Golfern. Wer aber für Golf zu alt ist, wird selten noch mit Tennis anfangen. Was das konkret heißt? Golf - insbesondere in Deutschland - kann und darf sich noch mehr zeigen, sich mehr trauen. Warum nicht eine kleine Golfbahn auf einer Activity Area der Fußball-EM 2021 am Spielort München aufbauen? Golf und Tennis - das passt. Beides wird auf Rasen gespielt. Zumindest in Wimbledon.

Im Finale der US Open 2020 standen sich in diesem Jahr zwei deutschsprachige Athleten gegenüber. Die beiden Tennisstars Alexander Zverev und Dominic Thiem lieferten sich ein Klassematch - mit dem glücklicheren Ende für den Österreicher. Bei der Siegerehrung wehten die Flaggen Deutschlands und Österreichs durch New Yorker Luft. Man stelle sich vor, die US Open im Golf sehen ein Stechen um den Sieg zwischen Bernd Wiesberger und Martin Kaymer. Das wär' ein dickes Ding und sicher nicht die schlechteste Werbung für den Golfsport. Einen Boom würde auch so ein Szenario nicht auslösen - und das ist auch gut so.

Thomas Kirmaier

Thomas Kirmaier
Freier Redakteur

Früher Eishockey, jetzt Golf. Arbeitet als freier Redakteur. Golferische Homebase: Bad Griesbach.

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