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Blickpunkt Golftalente

Report, Teil 1: Nachwuchsförderung in Bayern mit derzeit rund 9.000 Golftalenten bis 18 Jahre.

05. Februar 2021

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Mehr als 40.000 Golftalente bis 18 Jahre unter seinen insgesamt 651.417 Golfspielern vermeldete der DGV Anfang Februar 2021. So viel zu den Zahlen über den Golfnachwuchs, der demnach in der Bundesrepublik einen Anteil von rund sechs Prozent beträgt. Wie aber ist es um den Status quo der Golf-Ausbildung in welchen Regionen bestellt, welche Ziele und Verbesserungspotenziale schlummern aktuell in welchen Bundesländern, welche Problematik hat das Corona-Jahr verursacht und wo befinden sich derzeit die Hotspots bei den Jungen und Mädchen? /

Zwei Speerspitzen

Aktuell präsentieren sich vor allem im Süden des Freistaats der Münchener Golf Club (MGC) sowie der Golfclub München Valley als die großen Talentschmieden. Der MGC trumpft neben der hochwertigen Infrastruktur mit modernen Trainingsanlagen auf zwei Anlagen - eine davon bestens für Kinder und Jugendliche erreichbar mitten im Münchner Stadtgebiet - insbesondere mit einem breit gefächerten Fachpersonal auf. Die zwei erfahrenen Head Coaches Arne Dickel und Pascal Proske jeweils für die Herren und Damen, acht weitere Pros, Athletiktrainer, Sportmediziner und Pysios sowie vier Azubis stellt der MGC für die Ausbildung ab. Für den verantwortlichen Sportkoordinator Philip Stangassinger ist abseits des Fachpersonal hinaus die Persönlichkeitsentwicklung für die Ausbildung von derzeit knapp 500 Kindern und Jugendlichen entscheidend: "Unser Herzblut ist für die Jugendlichen da. Auch für die Zeit außerhalb des Golfsports."

Ein Paradebeispiel in Sachen Herzblut für den Golf liefert seit Jahren auch Danny Wilde mit seiner Golfsport Manufaktur im Golfclub München Valley. Im Süden Münchens im Landkreis Miesbach lebt der erfahrene Trainer seine Sportart regelrecht und bringt insbesondere im Damenbereich ein Talent nach dem anderen heraus. Fünf Pros, ein Athletiktrainer, zwei Sportpsychologen kümmern sich um die derzeit 150 Kinder und Jugendlichen im Club sowie um die Bundesliga-Teams der Damen und Herren. Zwei Azubis sowie ein fester Jugendwart sollen demnächst hinzustoßen.

Karawane Leistungssport

Bei der Ausbildung von Talenten ist laut Wilde in Valley die hohe Wertschätzung des Nachwuchses das Alleinstellungsmerkmal, insbesondere die Förderung von Talenten aus der Region. "Ich telefoniere nachts schon mal mit College-Studenten, die bei uns spielen und Rat benötigen. Meiner Meinung nach kann man sich nur in demjenigen Club entwickeln, der einem am nächsten liegt", sagt der PGA-Pro und ehemaliger Trainer von Alex Cejka und Martina Eberl. Dies kann die in Valley trainierende Chiara Horder nur bestätigen. "Für mich ist in Valley jederzeit ein Ansprechpartner da. Solange ich in München wohne, würde ich diesen Club nie wechseln", sagt die 18-jährige Team-Europameisterin, die ab August in die USA zieht.

Hinter den beiden Speerspitzen-Clubs mit unterschiedlichen Philosophien und Zielsetzungen herrschte in den letzten Jahren mal mehr und mal ein weniger großes Vakuum. "Wenn es ein paar mehr von der Sorte dieser beiden Clubs geben würde, wäre es schön", sagt Igor Arendt, Landestrainer im Bayerischen Golfverband (BGV). Das Auf und Ab bei der erfolgreichen Ausbildung von Top-Talenten bei traditionellen und einst auf einem ähnlich hohen Ausbildungsniveau von Top-Talenten stehenden Golfclubs wie zum Beispiel in Eichenried, Olching, Feldafing oder Herzogenaurach vergleicht Arendt mit dem Bild der "Karawane Leistungssport". "Es wird einfach zum nächsten Club weitergezogen, der den Nachwuchs zu dieser Zeit gerade stark fördert."

Eliteschule als Ausbildungsmöglichkeit

Ebenso wie andernorts ist auf dem Weg zum Profi-Golfer auch in Bayern die Wahl des Ausbildungsortes entscheidend, sprich des Golfclubs inklusive der dort vorhandenen Infrastruktur sowie der jeweiligen Heimtrainer. Verbandsseitig kommen in den klassischen Landes- und Förderkadermodellen Ausbildungsangebote hinzu, die das Training beim Heimtrainer flankieren und intensivieren sollen. "Bis zur AK 16 (Altersklasse; Anm. d. Red.) sind wir gut aufgestellt", befindet Arendt.

Hierbei verweist der 54-Jährige neben klassischen Kadertrainingseinheiten insbesondere auf die Eliteschule des Sports. An der Bertolt-Brecht-Schule in Nürnberg können Golftalente seit 2013 ihren jeweiligen Schulabschluss machen. Im Rahmen einer von zwei auf drei Jahre gestreckten Schulzeit bleibt den Talenten unterschiedlicher Sportarten hier mehr Zeit für Einheiten an der Trainingsbasis vor Ort. Der amtierende Europameister Matthias Schmid bei den Herren hat diese Schule einst besucht. Bei den Damen haben die LET-Spielerin Sarina Schmidt und die einstige deutsche AK18-Meisterin Nina Lang dieses duale Schulmodell unter anderem erfolgreich durchlaufen. Die Landeskader-Athleten Sophia Ratberger (MGC), Linus Lang (GC Bad Wörishofen) und Korbinian Walther (GC am Habsberg) sind ihre Nachfolger.

Das Corona-Jahr 2020, Potenziale und Visionen

Das Corona-Jahr 2020 stellte laut dem Pro nicht zwingend einen harten Einschnitt für den Golf-Nachwuchs dar. Teilweise sei sogar mehr trainiert worden als in einem normalen Jahr ohne Pandemie. Drei Golfanlagen haben in Bayern während dem Shutdown Kaderathleten zum Training zur Verfügung gestanden. "Für die Entwicklung war 2020 kein schlechtes Jahr", befindet Arendt, der zur Sichtung der Talente mit einem Wohnmobil-Roadtrip von Club zu Club unterwegs gewesen war.

Verbesserungspotenziale sieht der BGV-Chefausbilder durchaus. Angefangen von einem neuen Ausbildungsmodell weg von klassischen Kaderstrukturen, digitalem Athletiktraining als Zukunftsmodell bis hin zu einem angestrebten Landesleistungszentrum. Ebenso gilt es, die Stellschraube in der "extrem heterogenen Vereinslandschaft" zu drehen. Arendt erwartet sich von den Talenten Mut, einen starken Fokus auf die Ausbildung und Durchhaltevermögen auf ihrem Weg zum Profi. Das Nadelöhr der aktuell unbefriedigenden nationalen Förderungsstrukturen für die Zeit nach dem Schulabschluss sollte ebenfalls geschlossen werden. "Wir treiben die Talente ansonsten ja förmlich nach Amerika", so Arendt.

Robert M. Frank

Robert M. Frank
Freier Redakteur

Nach abgeschlossenem Sportwissenschaft-Studium an der TU München ab 2008 als freier Autor/Reporter/Sportjournalist für Online-Portale, Tageszeitungen, Zeitschriften und Agenturen tätig. Der gebürtige Münchner, Jahrgang 1981, mit Trainerlizenzen im Fußball und Tennis stieß 2018 zum Golf.de-Redaktionsteam hinzu. Heimatclub: G&LC Gut Rieden in Starnberg.

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