US Open

Überraschung als Tradition

Die offenen US-Meisterschaften haben eine durch ihre lange Geschichte geprägte Sonderstellung.

12. Juni 2021

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Bei einer US Open kann alles passieren. Das mag einerseits daran liegen, dass ganz offiziell von der USGA ein Siegergebnis um das Par angestrebt wird, indem man harte und schnelle US-Open-Grüns gleich einem Kugellabyrinth mit US-Open-Rough kombiniert - so hinderlich hoch und schwer zu entkommen wie dem Gebiss einer Raubkatze, also nicht ohne Blessuren. Und es theoretisch jedem Spieler mit einem Handicap besser als 1,4 über diverse Qualifikationsstationen ermöglicht, in den Reihen der Weltelite mitzumischen. Denn Überraschungen haben bei der US Open eine lange Tradition.

Ben Hogan nach seiner 67 am Finaltag 1951 in Oakland Hills, die ihm seinen dritten US-Open-Titel einbrachte: "Ich war froh, den Platz, dieses Monster, endlich in die Knie zu zwingen."

Ortskenntnis schlägt Major-Erfahrung

Bei einer US Open kann traditionell alles passieren. Eben auch, dass ein 20-Jähriger Amateur der persönlichen Einladung des Präsidenten der USGA nachkommt, sich seinen Golfurlaub, den er in ein anständiges Abschneiden bei der US Amateur Championship investierte, verlängern lässt. Um die besten Golfer und Major-Titelträger seiner Zeit, die Engländer Harry Vardon and Ted Ray, in das traditionell der Open vorbehaltene Playoff über 18 Löcher zu zwingen - aus dem er schließlich als 20-Jähriger US Open Champion Francis Ouimet hervorging. Allerdings: Als erster Amateursieger der Open kannte Ouimet damals, im Jahr 1913, jeden Grashalm des Austragungsortes The Country Club in Brookline, hatte er doch hier seit seinem elften Lebensjahr als Caddie gearbeitet und sich seine Schwungkünste mit ersammelten Bällen selbst angeeignet.

Große Hiebe und kleine Ausrutscher

Dabei scheint es wie auch bei anderen Major-Turnieren gar nicht so sehr das Schwungvermögen, sondern die mentale Konstitution, die bei der US Open zwischen bissigem Rough oder Birdie-Putt entscheidet. So auch 1923 bei Bobby Jones, der im Stechen gegen den Schotten Bobby Cruickshank kaltschnäuzig sein Eisen 2 an den Ball im Rough des New Yorker Inwood CC setzte und ihn keine zwei Meter neben der Fahne zum Halten brachte. Einer dieser Schläge für die Ewigkeit, der ihm seinen ersten Major-Titel einbrachte. Doch natürlich gibt es deutlich mehr US-Open-Momente, die Titelträume kosten - wie der von Roland Hancock, der im Finale der Open 1928 in Olympia Fields führte und auf der 17 (Par 4) seinen zweiten Schlag auf eine Gesamtdistanz von knapp fünf Metern brachte - und mit diesem entscheidenden Ausrutscher ein Doppel-Bogey-Bogey-Finish einläutete, welches ihm den Einzug ins Stechen mit Bobby Jones und dem siegreichen Johnny Farrell verwehrte.

Bobby Jones, 4-facher US-Open-Champion: "Niemand gewinnt jemals die nationalen Open. Lediglich jemand anders verliert sie."

Vom Ende der Welt an die Spitze des US-Golf

Doch Geschichten von Selfmade-Champions à la Francis Ouimet sind wohl unter heutigen Turnier-Bedingungen nicht mehr möglich - die der ausgewachsene Überraschung allerdings jederzeit. Wie auch 2005, als erneut ein Underdog einem amtierenden Major-Champion, der in diesem Fall auch noch Tiger Woods hieß und auf der Höhe seines Könnens dominierte, die Stirn bot - und damit an die Frühphase der nationalen Open anknüpfte, als die US-Open-Champions noch reihenweise unter britischem Banner siegten. Der Underdog hieß Michael Campbell und kam aus dem abgelegensten Teil des Britischen Commonwealth, war allerdings keineswegs mehr der kleine Maori-Junge, der das Golfspiel auf Schafweiden am abgelegenen Ende der Welt erlernt hatte.

Denn Campbell hatte um die Jahrtausendwende bereits eine Handvoll Turniere auf der European Tour gewinnen können. Doch es war auf Pinehurst No. 2, als der Neuseeländer über sich hinaus wuchs: "Ich hatte neun Löcher zu spielen und die bestem Spieler der Welt [darunter sechs weitere ehemalige US-Open-Champions in der Finalrunde, Anm. d. Red.] im Nacken. Tiger hatte zwei Monate zuvor in Augusta gewonnen, er war der heiße Favorit. Doch jedes Mal, als die Menge für Tiger jubelte, stellte ich mir einfach vor, sie täten das für mich, und habe mich innerlich bedankt. Du hast die Wahl, wie du damit umgehst - davon hängt alles ab." Campbell gewann mit einem Gesamtergebnis von Even Par, zwei Schläge vor Woods.

John Daly, personifizierter Angstgegner vieler, nach einer Elf bei der US Open 1999 auf dem Course No. 2 des Pinehurst Resorts, über einen anderen Angstgegner: "Für mich ist die US Open kein Major. Nicht, weil sie auf schlechten Golfkursen ausgetragen werden. Im Gegenteil. Aber die USGA macht die US-Open-Plätze wirklich unfair."

Statistik wie ein Fluch?

Vier Spieler konnten bislang die US Open vier Rekord-setzende Male in ihrer Karriere gewinnen, angefangen vom Schotten Willie Anderson (1901, -03, -04, -05) über Bobby Jones (als Amateur, der er immer blieb) und Ben Hogan bis zu Jack Nicklaus. Tiger Woods wird auf seinen vierten US-Open-Titel nach den siegreichen Teilnahmen von 2000, -02 und -08 bekanntlich verletzungsbedingt noch länger warten müssen. Doch neben den zahlreichen Statistiken zu den Erfolgen bei den US Open dürfte eine für besondere Aufmerksamkeit bei der aktuellen Ausgabe sorgen, nämlich die geschlagenen sechs Zweitplatzierungen (1999, 2002, -04, -06, -09, -13), in denen Phil Mickelson seine bislang unerwiderte Liebe zu den nationalen Open manifestiert sieht. Kaum einer der aktuellen Favoriten dürfte mehr mit den eigenen Erwartungen zu kämpfen haben wie der sechsfache Major-Sieger ohne US-Open-Titel und absolutem Heimvorteil in Torrey Pines. Doch auch damit befindet er sich bislang in illustrer Gesellschaft.

Sam Snead gehört zu den Golflegenden, denen ein Sieg bei der nationalen Open ewig verwehrt blieb: "Es ist eindeutig, dass die größte Enttäuschung meiner Karriere ist, nie die US Open gewonnen zu haben. Ich werde immer daran erinnert. Es tut weh, wenn sich jemand an dich erinnert für etwas, dass du nicht geschafft hast."

Aus europäischer Sicht ist insbesondere 2014 US-Open-Geschichte geschrieben worden. Noch nie waren mit Martin Kaymer, Marcel Siem, Maximilian Kieffer und Alex Cejka vier deutsche Spieler vertreten und Kaymer stellte bei seinem Sieg auch ein paar Rekorde auf.

Sebastian Burow

Sebastian Burow
Chefredakteur Golf.de I myGOLF

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