Handicap Papa

Doof und Talent

Unser Handicap-Papa-Kolumnist hatte eine ganz steile These, wie man erfolgreicher Golfer wird - doch dann kam Bryson.

07. Oktober 2020

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Es ist schon ein paar Jahre her. Doch im Rahmen meiner beschränkten geistigen Fähigkeiten, erinnere ich mich noch ziemlich genau: Gemeinsam mit meinem Freund Stefan Maiwald traf ich auf einem Golfplatz im Norden Italiens auf den einstigen Trainer von Matteo Manassero. Zu dieser Zeit war das ehemalige Wunderkind der European Tour bereits so abgestürzt, wie ich an einem Bundesliga-Samstag in der Schänke meines Vertrauens. 

"Matteos Geheimnis war ganz einfach", sinnierte Alberto Binaghi, Manasseros damaliger Trainer, "für ihn war Golf wie Playstation spielen. Der ganze Golfplatz eine einzige Spielwiese - im wahrsten Sinne des Wortes. Über Technik machte er sich nie Gedanken. Hauptsache Ball ins Loch, egal wie." Obwohl es Binaghi nicht explizit ansprach, aber zwischen den Zeilen klang durch: Dass Matteo nicht die hellste Kerze am Leuchter war, half natürlich auch. Denn so machte er sich nie einen Kopf, versuchte nicht, irgendetwas intellektuell zu durchdringen. Der will nur spielen, war das Credo. Und das gelang ihm ja auch vorzüglich.

Bitte nicht nachdenken

Der Absturz kam dann auch prompt, als Manassero zum ET-Topstar aufstieg. Plötzlich hatte er u.a. auch einen Putt-Coach. Das Analysieren, die Trackman-Daten - all diese führte dazu, dass Manassero begann, über sein Spiel NACHZUDENKEN. Das war sein Untergang.

Ich fand dieses Treffen wirklich beeindruckend. Stützte es doch meine These: Wer im Sport erfolgreich sein will, braucht eine fein abgestimmte Mischung auf Doofheit und Talent. Wehe, du denkst zu viel nach! 

Doof und Talent

Ich selbst habe mehrere Jahre Leistungsschwimmen betrieben. Und glauben Sie mir, man muss schon ziemlich bekloppt sein, um freiwillig täglich vier Stunden Bahnen zu bolzen. Entscheidend kommt hinzu: man darf das alles nicht hinterfragen. Ein paar Gehirnwindungen weniger sind dafür äußerst hilfreich. Und seien wir mal ehrlich, ein Blick auf Größen wie Andi Brehme, Lothar Matthäus oder Mario Basler entkräften meine These auch nicht wirklich, oder?

Geistesgrößen im Golf

Als ich mit Golf spielen begann, und auch anfing, mich für den Turniersport zu interessieren, fielen mir sofort Geistesgrößen wie Dustin Johnson - und später - Justin Thomas oder Brooks Koepka ins Auge. Ich will den Jungs natürlich nicht unrecht tun, aber ein Blick auf ihre SocialMedia-Kanäle und die Nachrichten/Geschichten, die man so über sie liest und hört, qualifizieren sie jetzt nicht unbedingt für den Nobelpreis.

Aber wissen Sie was? Genau das alles gab mir Hoffnung. Und zwar als unser Sohn geboren wurde - ein grunzender Hulk, der mit seinen mittlerweile fünf Jahren immer noch so malt, wie seine Schwester mit zweieinhalb. Jaaaaa, Jungs sind etwas hinterher. Wie oft haben wir uns schon mit diesem Satz beruhigt, um uns dann - wie neulich - Sätze anhören zu müssen, wie: "Mama, Papa, wir haben heute Buchstaben geschrieben, von der 1 bis zur 10."

Die Antithese aus Kalifornien

Wir sind uns innerfamiliär natürlich völlig einig, dass Hulk diese faszinierenden Fähigkeiten allesamt von seinem Vater geerbt hat. Kein Problem! Ich komme damit klar. Denn - und jetzt kommt’s - stützt es doch meine These, dass mein Sohn zumindest eine Voraussetzung hat, ein ganz großer Golfer zu werden. Steht jetzt nur noch die Frage nach dem Talent im Raum. Bzw. die Frage stand im Raum. 

Denn plötzlich macht ein gewisser Bryson deChambeau einen dicken, fetten Strich durch meine These: Schlau und Talent, ist ja nun mal seine Mischung, die ihn nach ganz oben gebracht hat. Natürlich reden jetzt alle über seine plus 20 Kilo-Musekelmasse, seine extraterrestrischen Längen - aber der Mann war ja schon vor seiner Transformation ein Großer. Er denkt nach, tüftelt, will alles verstehen, geht seinen eigenen Weg und lässt sich nicht abbringen. Ganz schön schlau der Kerl. Und der Gegenentwurf zu meiner These. Schöner Mist. In diesem Sinne: Ab jetzt gibt’s Abends was aus dem Physikbuch vorgelesen.

Fabian Kendzia

Fabian Kendzia
Handicap-Papa-Kolumnist

I Alter: 44 Jahre I Wohnort: Erfurt, Thüringen I festangestellt in einer Werbeagentur I Familienstand: Freundin, 2 Kinder

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