Handicap Papa

Wer hat den Längsten?

Sich von seinem testosterongesteuerten Sohn etwas abzuschauen, passt so gar nicht zum Gender-Zeitgeist - ist aber gut für sein Golf, findet unser Handicap-Papa-Kolumnist.

07. Juli 2021

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Auch auf die Gefahr hin, es mir vollends mit der Gender-Sternchen-an-alles-dran-mach-Bewegung zu verscherzen - aber meiner Ansicht nach führt der Kampf all dieser Aktivisten völlig ins Leere. Das sage ich nicht nur als "alter weißer Mann", sondern als Zeuge eines Echtzeitexperiments, dem ich seit gut zwei Jahren beiwohne: der Entwicklung unseres Sohnes.

Der Testosteron-Obelix

Regelmäßige Leser dieser Kolumne wissen, dass in unserer Familie alles andere als das Patriarchat regiert. In der familiären Nahrungskette kommt nach mir nur noch die Hauskatze. Doch trotz des weichgespülten Vatervorbilds führt sich unser Sohn seit zwei Jahren auf wie ein in den Testosteron-Zaubertrank gefallener Obelix: Bräsig auf dem Sofa abhängen. Seinen Hofstaat (Rest der Familie) herumkommandieren. Stündliche Brunftlaute. Und vor allem: Es geht nur um länger, größer, schneller. Er hat die größte Playmobilfeuerwehr. Er hat das schnellste Fahrrad. Er kann am längsten die Luft anhalten.

Sicher, so eine zünftige Aktivistin würde mir jetzt erklären, dass er schon von frühster Kindheit an geprägt wurde - und ICH (alter weißer Mann) natürlich an all dem die Schuld trage. Als schlichter Geist sage ich aber: that's nature. Egal, was wir tun und wie wir erziehen, Jungs machen diese Phase durch. Und bei manchen dauert sie ein Leben lang. Was das mit Golf zu tun hat? Ich erzähl's Ihnen. Sie und ich können nämlich vom Mindset eines Sechsjährigen noch richtig was lernen! 

Papa DeChambeau

Letztens nahm ich ihn mit auf die Driving-Range. Eisern versuchte mein Sohn die Bälle von der Matte zu kratzen. Doch dann plötzlich: Stimmung im Keller. Er schaute nämlich mir zu. Ich bugsierte mehr schlecht als recht meine Bälle an die Hundert. Dennoch vollbrachte ich in den Augen eines Sechsjährigen Außerordentliches. 100 Meter weit schlagen!? Wahnsinn! Allerdings gab es dabei ein Problem: Meine Schläge waren länger als seine! Ein Umstand, der in seinem testosterongeschwängerten Hirn zum Krieg führte. Er schimpfte, zeterte und wollte sofort gehen.

Geduldig versuchte ich ihm zu erklären, dass es beim Golf nicht auf die Länge ankommt. Das kurze Spiel ist viiiiieeeel entscheidender. "Recht hat er, Dein Papa", sekundierte ein altgedienter Recke der hiesigen Seniorenmannschaft.

Kurz und gut?

Auf der Heimfahrt düngte mir, dass ich meinem Sohn richtigen Mist erzählt hatte. Auf das kurze Spiel kommt es an? Nicht wirklich, wie u.a. ein Experiment zeigt, das man schon vor längerem gemacht hat: Ein Hobby-Golfer und ein Tourspieler, beide spielen gemeinsam zwei Runden. Runde 1: Der Hobby-Golfer übernimmt das lange Spiel, der Tourspieler das kurze Spiel. Runde 2: Alles genau umgekehrt.

Das Ergebnis: In Runde 2 war der Score exorbitant besser. Der Unterschied zwischen Tourpro und Hobbygolfer erklärt sich zu 60 Prozent durch das lange Spiel, zu 30 Prozent durch das Annähern und nur zu 10 Prozent durchs Putten.

Der Rufer vom Fleesensee

Einer, der dies schon seit 20 Jahren propagiert und dafür stets viel Kopfschütteln erntet(e), ist Oliver Heuler. Er drehte bereits 2012 ein Video dazu! Ich habe Oliver Heuler gefragt, weshalb sich dennoch der Aufs-kurze-Spiel-kommt's-an-Mythos so hartnäckig hält. Und ohne in die tiefen der Strokes-gained-Statistiken einzutauchen, hat er zwei einfache und schlüssige Erklärungen:

"Viele Golfer suchen nach einer Erklärung, warum ihr Handicap höher ist, als sie es gerne hätten. Da ist es viel angenehmer, sich und anderen zu sagen, dass man eben nicht annähern und putten kann, weil man es zu wenig übt. Kaum jemand gibt gerne zu, dass ihm die langen Schläge nicht gelingen." Außerdem, so Heuler: "Manche Golflehrer arbeiten mit ihren Schülern lieber am kurzen Spiel, weil das weniger risikobehaftet ist. Ein Schüler, der herumerzählt, dass man ihm den Schwung umgestellt hat und er deshalb nichts mehr trifft, ist keine gute Werbung."

Also, lassen Sie's uns wie ein Sechsjähriger angehen. Denn in Wahrheit kommt es eben doch darauf an: Wer hat den Längsten?

Fabian Kendzia

Fabian Kendzia
Handicap-Papa-Kolumnist

I Alter: 44 Jahre I Wohnort: Erfurt, Thüringen I festangestellt in einer Werbeagentur I Familienstand: Freundin, 2 Kinder

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