Marcel Siem

Dream-Team Siem

Marcel Siem hält endlich wieder eine Trophäe in der Hand. Tochter Victoria schlüpft dabei zum wiederholten Mal in die Rolle des Glücksbringers.

12. Juli 2021

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Golfer sind Einzelkämpfer. Man ist ganz auf sich allein gestellt. So steht es sinngemäß auf Marcel Siems Webseite geschrieben. Auf den ersten Blick kann man diesen Aussagen nur zustimmen. Auf dem Platz spielt man immerhin seinen eigenen Ball. Nur man selbst ist für das erzielte Ergebnis verantwortlich. Wer sich gerne als Teil eines Teams sieht, hat im Golf zunächst wenig verloren - zumindest, wenn es darum geht, mit dieser Sportart auch Geld verdienen zu wollen. Doch auch als Einzelkämpfer ist man nur so gut, wie einen die Menschen um einen herum unterstützen. Angefangen beim Caddie, über den Trainer, bis hin zur Familie. Sie alle leisten ihren entscheidenden Beitrag zum Erfolg des Golf-Individualisten.

Wie wichtig die Menschen abseits des Platzes für den Ertrag auf dem Rasen sein können, stellte Siem bereits vor knapp zehn Jahren fest. Nach einer schier endlos wirkenden Durststrecke feierte der Ratinger bei der Open de France 2012 seinen zweiten Sieg auf der European Tour. Der prestigeträchtige Titel bei der französischen Meisterschaft kam damals nicht von ungefähr. Ein gutes Jahr zuvor kam Siems erste Tochter auf die Welt. Und Victoria veränderte logischerweise das Leben des gerne als "Golf-Punk" beschriebenen Profis. Siem wurde reifer und aus dem "unberechenbaren Lebemann", wie ihn die Welt nach seinem Erfolg 2012 einst bezeichnete, wurde ein ruhigerer, ja fast schon langweiliger Familienvater.

Die lange Leidenszeit der Nummer drei

Victoria schien ihren Papa sowohl privat als auch beruflich auf die nächste Stufe gehievt zu haben. Nach dem Sieg in Frankreich folgten weitere Siege bei der Trophée Hassan 2013 sowie dem BMW Masters 2014. Damit war Siem Deutschlands dritterfolgreichster Golfer - nach Bernhard Langer und Martin Kaymer. Nach seinem vierten European-Tour-Sieg in China rechnete niemand damit, dass die neue deutsche Nummer drei schon bald in ein Formloch fallen würde, in dem am Ende einer langen Talfahrt der Verlust der Spielberechtigung für die European Tour stand. Erst recht nicht, als mit der Geburt der zweiten Tochter im Jahr 2014 vieles dafür sprach, dass Siem nun vielleicht sogar noch ruhiger und fokussierter auf dem Platz agieren würde.

Der erhoffte positive Effekt blieb jedoch aus und einmal mehr bestätigte sich eine alte Golfweisheit: Das einzig Beständige am Golf ist seine Unbeständigkeit. Und Siem bekam dies mit voller Wucht zu spüren. Sogar ein Karriereende war zwischenzeitlich im Gespräch. "Vor eineinhalb Jahren, als wir anfingen, saß ich in Mauritius und habe überlegt, ob ich noch spielen wollte", so Siem, der ein neues Team um sich herumaufbaute - neuer Mentaltrainer und frisches Management inklusive. Wie so oft im Golf, stimmte es beim zweifachen Familienvater zwischen den Ohren nicht. "Ich kam einfach nicht in Schwung, verlor auf dem Golfplatz ständig den Faden und war nicht geduldig genug." Die vergangenen Jahre waren wie ein Rückfall in alte Zeiten, als Siem seine Nerven oft nicht im Griff hatte und im letzten Moment Top-Ergebnisse aus der Hand gab.

Schon wieder Frankreich

Seit 2020 spielt Siem nun wieder auf der Challenge Tour. Die einstige Wohlfühloase European Tour muss er sich erstmal wieder erkämpfen. Bei Instagram rief er das Hashtag #mywayback ins Leben. Er soll Siems Weg zurück auf die große Bühne dokumentieren. Der einstige World-Cup-Sieger von 2006 ist lange nicht am Ende seiner Golfreise und spürt noch immer das Feuer in ihm. Er brauchte nur mal wieder ein Erfolgserlebnis. Wie damals 2012, als sich Siem mit seinem Sieg in Frankreich zurückmeldete. Weitere neun Jahre später stand nun erneut ein Event im Nachbarland auf dem Programm. Dieses Mal fand im Golf PGA France du Vaudreuil ein Turnier der Challenge Tour statt. Bereits in den Vorwochen deutete sich ein Anstieg in Siems Formkurve an. Der 40-Jährige gab zu, dass er seine Freunde auf der European Tour vermisse. Es sollte so schnell wie möglich zurückgehen.

Bei der Le Vaudreuil Golf Challenge war es dann endlich mal wieder so weit. Siem sicherte sich den Titel mit einem Gesamtergebnis von 15 unter Par, einen Schlag vor dem Chilenen Hugo Leon. Das Preisgeld war nicht vergleichbar mit dem, was Siem damals auf der European Tour verdiente und doch fallen mehrere Parallelen zu seinem damaligen Erfolg bei der Open de France auf. Zum einen wäre da natürlich der Ort des Erfolgs: Frankreich. Ein Land, in dem sich Siem wohlzufühlen scheint. Zum anderen erinnert die Vorgeschichte stark an damals. Erneut hatte Siem mehrere Jahre auf einen weiteren Titel als Profi warten müssen. Dass es sich hierbei "nur" um ein Sieg auf der Challenge Tour handelt, Siems erstem überhaupt, spielt zunächst keine Rolle. Denn abgesehen davon, wie hoch das Niveau auf dieser Tour ist, sind genau dies die Momente, für die ein Profisportler tagtäglich arbeitet. Er will der beste sein, in dem was er tut. Und in dieser Woche war Siem der beste - und zwar bis zum Schluss, bis zum Birdie auf der letzten Bahn.


(Marcel Siem und seine Tochter Victoria, Photo by Aurelien Meunier/Getty Images)

Die wohl schönste und emotionalste Parallele zwischen den beiden Erfolgen in Frankreich ist aber Siems Tochter Victoria. Sie in einem Satz mit der griechischen Siegesgöttin zu erwähnen, würde der ganzen Geschichte vermutlich zu viel Pathos verleihen, jedoch scheint sie für ihren Papa erneut ein wichtiger Glücksbringer gewesen zu sein. Marcel Siem wurde die ganze Woche über von seiner zehnjährigen Tochter begleitet. Schon am ersten Tag war sie sich sicher: Dieses Turnier gewinnen wir. "Victoria ist großartig", erklärte der stolze Papa mit einem Arm auf den Schultern seiner Tochter gelegt in seinem Siegerinterview. "Ich bin so stolz, dass sie jetzt bei mir ist und ich habe immer davon geträumt." Birdies konnten weder die kleine Victoria noch ihr flauschiges Stoff-Faultier erzielen, das sie am Finaltag über den Platz schleppte. Dafür war allein ihr Vater zuständig, der Einzelkämpfer, der ohne das Team um sich herum vermutlich gar nicht mehr auf dem Platz stehen würde. Irgendwie ist Golf ja dann doch eine Teamsportart.

Daniel Dillenburg

Daniel Dillenburg
Freier Redakteur

Daniel Dillenburg, schreibt seit 2013 über den schönen Golfsport und ist nun nach seinem Bachelorstudium im Fach Medienwissenschaft nach Wien gezogen. Artikel werden trotzdem noch in hochdeutsch verfasst.

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